Michael Jastram und Joe Justice, beide erfahrene Systemingenieure, nehmen uns mit in die internen Abläufe von SpaceX und zeigen, wie das Unternehmen zum wichtigsten Raumfahrttechnik-Unternehmen auf diesem Planeten (und darüber hinaus!) geworden ist.
Sie erläutern den innovativen Ansatz des Unternehmens im Systems Engineering, einschließlich datengetriebenem Design und der wichtigen Rolle der Modularität.
SpaceX, der Pionier der privaten Raumfahrtindustrie, hat die Luft- und Raumfahrttechnik durch seinen innovativen Einsatz datengetriebenen Designs und einer effizienten Organisationsstruktur grundlegend verändert. Die neuartige Strategie des Unternehmens hat die Branche modernisiert und die Messlatte für Effektivität und Effizienz höher gelegt.
Das Unternehmen war zuletzt häufig in den Schlagzeilen: Mit der Dragon-Kapsel gelang am 2. August erstmals seit 2011 wieder ein bemannter Raumflug für die USA, bei dem zwei Astronauten sicher zur Erde zurückgebracht wurden.
Als Systemingenieure sind wir neugierig darauf, wie SpaceX Systems Engineering angeht. Sein Erfolg wird weitgehend dem datengetriebenen Designansatz zugeschrieben. Indem SpaceX Daten und Fakten zur Grundlage von Entscheidungen macht, kann das Unternehmen komplexe Luft- und Raumfahrtsysteme mit beispielloser Effizienz entwerfen und entwickeln.
Daten werden genutzt, um den Entwicklungsprozess vom ursprünglichen Konzeptentwurf bis zu den letzten Phasen der Systemintegration zu steuern, wodurch das Risiko kostspieliger Konstruktionsfehler reduziert und die Gesamteffizienz verbessert wird.
Einer der wichtigsten Vorteile des datengetriebenen Ansatzes von SpaceX ist die Fähigkeit, die Systemleistung unter verschiedensten Bedingungen zu simulieren und vorherzusagen. Dank dieser Vorhersagefähigkeiten kann SpaceX mögliche Probleme bereits früh in der Entwurfsphase erkennen und die notwendigen Anpassungen vornehmen, bevor tatsächliche Prototypen gebaut werden.
Im Vortrag „System Engineering: A Traditional Discipline in a Non-traditional Organization“ erklärt SpaceX, wie die Unternehmenskultur dies möglich macht.
SpaceX verfolgt eine wirklich interessante Philosophie in der Produktentwicklung. Während Risiken traditionell durch übermäßige Vorabanalysen gemanagt wurden, setzt SpaceX stattdessen auf schnelles Prototyping und iterative Testzyklen. Im 21. Jahrhundert haben wir die einzigartige Möglichkeit, reale Systeme in kurzen Entwicklungszyklen zu entwickeln und zu testen.
Bei SpaceX werden auf allen Ebenen rigorose Tests durchgeführt, einschließlich am vollständig montierten Träger direkt vor dem Start.
Die Organisation muss in der Lage sein, diese Art von Ansatz zu unterstützen. Deshalb wird Systems-Engineering-Denken auf allen Ebenen und in allen Abteilungen von SpaceX vermittelt und praktisch angewendet. Alle Abteilungen müssen sich zudem mit Integration befassen und eine ganzheitliche Perspektive einnehmen.
Die Organisationsstruktur spielt eine entscheidende Rolle für den Erfolg. Die Ingenieurteams des Unternehmens sind so organisiert, dass Zusammenarbeit und Kommunikation gefördert werden und sichergestellt ist, dass alle auf dieselben Ziele hinarbeiten.
Informationsmanagement und Datenhandhabung sind entscheidend, und SpaceX hat auf traditionelle Kontrollgremien und Ausschüsse verzichtet und setzt stattdessen moderne Kollaborationstools ein.
Altium Requirements Portal bietet eine kollaborative Umgebung, in der Ingenieure Daten verwalten und analysieren, die Systemleistung simulieren und fundierte Designentscheidungen treffen können.
Es bietet einen vollständigen Überblick über den Designprozess und eine nahtlose Integration von Daten aus verschiedenen Quellen, darunter CAD-Tools, Simulationssoftware, Tabellenkalkulationen und andere Engineering-Werkzeuge.
SpaceX arbeitet nicht auf traditionelle Weise und zerlegt Systeme auch nicht klassisch. Stattdessen werden zentrale Designparameter identifiziert und bis hinunter auf die Designebene verfolgt. Ein klassischer Parameter ist zum Beispiel das Gewicht der Rakete.
Dieser Ansatz ermöglicht deutlich mehr Flexibilität auf der Designebene. Dies ist auch die Methode, die vom Requirements Portal verwendet wird.
Das Thema Integration und Integrationstests wird bei diesem Ansatz noch wichtiger. Daher ist die Investition in eine geeignete Testinfrastruktur strategisch bedeutsam. SpaceX versucht, die Tests so realistisch wie möglich zu gestalten („test as you fly“). Das führt zu vielen Hardware-in-the-Loop-Tests auf Komponentenebene. Wo immer möglich, wird auch die Software in den Test einbezogen.
SpaceX führt außerdem viele Tests durch, die absichtlich zum Ausfall von Komponenten führen. Dadurch lassen sich Fehlerszenarien realistischer untersuchen. Selbstverständlich werden alle relevanten Tests bei jeder Änderung wiederholt durchgeführt.
Auch wenn dieser Ansatz zu einer spektakulär hohen Zahl von SpaceX-Explosionen auf YouTube führt, können Sie beruhigt sein: Die meisten davon ereigneten sich während Tests. Tatsächlich sind bislang nur vier Satellitenstarts von insgesamt 86 Missionen fehlgeschlagen.
Ein zentraler Aspekt der Designphilosophie von SpaceX ist die Modularität. Durch die Entwicklung von Komponenten, die in mehreren Systemen eingesetzt werden können, konnte SpaceX den mit Design und Entwicklung verbundenen Zeit- und Kostenaufwand erheblich reduzieren.
Dieser Ansatz ermöglicht zudem größere Flexibilität, da Komponenten bei Bedarf leicht ersetzt oder aufgerüstet werden können.
Die Engineering-Organisation von SpaceX basiert auf dem Konzept unabhängiger Teams. Anders als traditionelle Engineering-Unternehmen mit zentralisiertem Management arbeitet SpaceX mit selbstorganisierten Teams.
Joe Justice hebt hervor, dass diese Teams gleichzeitig und unabhängig arbeiten und Projekte so schnell wie möglich umsetzen. Das Fehlen zentralisierter Managementstrukturen ermöglicht es Ingenieuren, Verantwortung zu übernehmen und Innovation voranzutreiben, wodurch eine Kultur des Vertrauens und der Selbstermächtigung entsteht.
Dieses schnelllebige Umfeld beginnt bereits mit dem Onboarding, wenn ein neuer Mitarbeiter ins Unternehmen eintritt. Werfen Sie einen Blick auf Joe Justice’s talk (Spoiler: Es dauert nur 4 Stunden!)
SpaceX setzt großes Vertrauen in seine Ingenieure und befähigt sie, Probleme direkt anzugehen. Joe Justice betont, dass es bei SpaceX keine traditionellen Rollen wie Produktmanager, Projektmanager oder Architekten gibt.
Stattdessen werden Ingenieure damit betraut, Entscheidungen zu treffen und Lösungen zu finden. Durch den Abbau unnötiger Bürokratie und interner Politik schafft SpaceX ein Umfeld, in dem sich Ingenieure auf ihre Arbeit konzentrieren können, was zu höherer Produktivität, mehr Eigenverantwortung und einem stärkeren Sinn für Zweck und Beitrag führt.
SpaceX verfolgt zusammen mit anderen Unternehmen unter dem Dach von Elon Musk das Ziel, eine stärker engineering-orientierte Belegschaft zu schaffen, indem Managementebenen minimiert werden.
Traditionelle Engineering-Unternehmen haben oft hierarchische Strukturen, doch Musks Unternehmen haben diese durch KI-gestützte Software-Stacks ersetzt. Diese Software-Stacks liefern Antworten und Orientierung in Echtzeit und ermöglichen autonome Entscheidungen sowie Selbststeuerung innerhalb der Organisation.
Die Luft- und Raumfahrtindustrie wurde durch den revolutionären Einsatz datengetriebenen Designs und modularer Konzepte bei SpaceX sowie durch seine effiziente Organisationsstruktur vollständig verändert.
Die Strategie des Unternehmens dient anderen Unternehmen als starkes Beispiel und zeigt, wie datengetriebenes Design die Produktivität steigern, Risiken senken und Innovation fördern kann.